Leonardo Genoni – der Wichtigste geht in Mailand fast vergessen
Zum ersten Mal seit seiner Amtsübernahme im Oktober 2015 kann Patrick Fischer die besten Kräfte unseres Hockeys vollzählig versammeln. Noch nie hatte er die besten Spieler zur Verfügung. 2018 und 2022 waren die NHL-Stars beim Olympischen Turnier nicht dabei und so viele bestandene NHL-Titanen wie im Olympiateam sind bei der WM nie vom ersten Spiel an im Einsatz. Ob wir in vier Jahren bei den nächsten Olympischen Spielen immer noch so viele Spieler in der NHL, ob wir je wieder eine so gute Mannschaft haben werden wie in diesen Tagen in Mailand, ist ungewiss.
Mailand ist also ein historisches Turnier und jede Partie eine für die Ewigkeit. Selbst die in der Vorrunde. Logisch, dass sich noch nie so viele nordamerikanische Chronistinnen und Chronisten für ein Training der Schweizer interessiert haben, wie nun in Mailand: Weil die NHL dabei ist, sind auch die Edelfedern angereist, die sich sonst nur um die NHL kümmern und um das internationale Hockey foutieren. Die meisten heben sich durch Anzüge in feinem Tuch optisch vom europäischen Schreibproletariat ab. Noch nie sind die Schweizer bei einem Titelturnier von den Abgesandten aus Nordamerika so ernst genommen worden. Zusammenfassend lässt sich ihre Einschätzung in einem Satz zusammenfassen: «A pretty good Team.» Was durchaus anerkennend gemeint ist.
Logisch dreht sich bei der ersten Interview-Gelegenheit nach dem ersten Training in der Mixed-Zone (fast) alles um die Stars aus der NHL. Keine Frage: Die ruhmreichsten Jahre unseres Hockeys mit vier WM-Finals haben erst die Spieler ermöglicht, die in Nordamerika zu Lob und Preis gekommen sind. Die beste Spielergeneration, die wir je hatten. Aber noch ohne Olympischen Ruhm: Über den Viertelfinal sind wir seit der Olympia-Bronze von 1948 nicht hinausgekommen.
Aber einer geht (fast) vergessen, der nie in Nordamerika sein Geld verdient, ja in seiner ganzen, langen Karriere noch nicht einmal eine einzige Partie auf einem Eisfeld mit der kleineren NHL-Eisfläche bestritten hat. Und ohne den die drei Finals von 2018, 2024 und 2025 trotz allen NHL-Titanen nicht möglich geworden wären: Leonardo Genoni. Er ist für unser Nationalteam der wichtigste Einzelspieler der letzten acht Jahre.
Wenn einer für die Bedeutung des Torhüters im Eishockey steht, dann wohl er. Der Nörgler wendet ein: Ja, mag sein, aber zum WM-Titel hat er uns nicht gehext. Die Wohlwollenden und Wahrhaftigen formulieren es ein wenig polemisch anders: Leonardo Genoni hat uns dreimal in den WM-Final gebracht und seinen Vordermännern den Titel auf dem Silbertablett serviert. Aber auch die NHL-Stars, die zur Verfügung standen, haben es nicht geschafft, sein Hexenwerk zu vollenden: Im Final von 2018 liess Genoni inklusive Verlängerung gegen Schweden nur zwei Treffer zu (2:3 n.P), 2024 gegen Tschechien nur einen (das 0:2 fiel ins leere Tor) und 2025 gegen die USA in 60 Minuten keinen einzigen (0:1 n.V). Es waren die Feldspieler, die nicht dazu in der Lage waren, die wenigen Tore zu erzielen, die uns den ersten WM-Titel der Geschichte beschert hätten. 2025 hätte ein einziger genügt.
Die Torhüterfrage ist also zentral – und vielleicht so heikel wie nie. Patrick Fischer hat mit Reto Berra, Leonardo Genoni und Akira Schmid aus der NHL drei Optionen. Akira Schmid ist erst 25. Ihm gehört die Zukunft. Es wäre wahre Hockey-Romantik, wenn er die Schweizer in den Final bringen würde – mit Leonardo Genoni als Nummer 2 auf der Bank. Eine nachgerade hollywoodreife Wachtablösung. Aber auf Genoni zu verzichten, kann den Zorn der Hockeygötter wecken. Unvergessen die schmähliche Niederlage gegen Deutschland (1:3) im WM-Viertelfinal von 2023 in Riga. Patrick Fischer hatte auf Servettes Meistergoalie Robert Mayer gesetzt.
Leonardo Genoni macht sich keine Gedanken, ob er oder ein anderer in Mailand zum Zuge kommen wird. Wie immer ist er ohne jede «Einsatzgarantie» dem Aufgebot des Nationaltrainers gefolgt. Im August wird er 39 und nun hat er erstmals auf dem kleineren Eisfeld trainiert. «Das Problem sind nicht unbedingt die veränderten Winkel. Eher die Schnelligkeit des Spiels.» Das Spiel zu lesen sei schwieriger. Wohl wahr: Wenn die Eisfläche gut vier Meter weniger breit ist, wird der Ansturm der gegnerischen Spieler «kanalisiert», weniger in die Breite gezogen und die Angriffe folgen auf engem Raum direkter, schneller und das verändert auch die Art und Weise, wie die Pucks von der Bande zurückspringen.
Dass sich in Mailand so vieles um die NHL-Stars dreht, stört den siebenfachen Meistergoalie nicht im Geringsten. Er sagt: «Unsere ganz grosse Stärke ist, dass wir ein Team sind.» Und als ob er ahne, dass das als Klischee verstanden werden könnte, betont er noch einmal: «Es ist wirklich so, wir sind ein Team.»
Das will etwas heissen. Einer wie Leonardo Genoni würde es nicht sagen, wenn es nicht so wäre. Womit wir bei den zwei «ewigen Wahrheiten» des Eishockeys angelangt sind: Die erste: «Gute Torhüter sind nicht alles, aber ohne gute Torhüter ist alles nichts.» Und die zweite, romantisch verklärte, aber eben doch gültig: «Eishockey ist der letzte wahre Teamsport.»
P.S. Reto Berra, gleicher Jahrgang wie Leonardo Genoni, ist der dritte Torhüter in Mailand. Wenn er nach den drei Vorrunden-Partien im ersten K.O.-Spiel im Tor steht, dann ist unsere Hockeywelt in Mailand höchstwahrscheinlich ein wenig aus den Fugen geraten.
